Leitlinien reformpädagogischer Schulen heute

Friedhelm Märsch – März 2021

Die Frage nach den Leitlinien reformpädagogischer Schulen heute beinhaltet m.E. die Frage, welche Schule wollen wir sein, welche Wertvorstellungen leiten uns. Wenn wir uns die Schule als einen eigenen Organismus vorstellen, was macht dann also das „Eigenleben“ dieses Organismus’ aus, unabhängig von SuSn, LuLn und Eltern, die kommen und gehen?

Ein Blick auf gelingende Aspekte verschiedenster pädagogischer Schulmodelle der letzten 100! Jahre (ja tatsächlich schon 100 Jahre) hilft da weiter. Die folgenden elf Punkte erscheinen mir als die Essenz dieses Gelingens, dem Erfahrungen aus mehr als ein Dutzend freier Schulmodelle weltweit (von Summerhill in England, 1921 gegründet, über Sudbury in Massachusetts, USA und der Escuela Pestalozzi in Quito, Ecuador u.v.a.m.) zugrunde liegen:

  • Erwachsene nehmen sich zurück, verstehen sich als Begleiter:innen des Lernens der SuS. Sie erklären den SuSn nicht die Welt, sondern schaffen ein günstiges Umfeld für die eigenen Erklärungen und Forschungen der SuS. Sie sind Kooperationspartner der SuS.
  • Die LuL geben Impulse, machen Angebote, sorgen für gute Lernbedingungen durch reichhaltige Ausstattung und Anreize für das Lernen, sie sorgen für Sicherheit der SuS.
  • SuS und LuL (und idealerweise auch Eltern) verstehen sich als gemeinsam Lernende. Lernen wird somit ein gemeinsamer Prozess, in der SuS, LuL, Eltern untereinander und mit Inhalten in Resonanz treten und kooperieren. Lernen statt (Be-)Lehren
  • Lernen ist grundsätzlich freiwillig. Die Verantwortung für ihr Lernen verbleibt bei den SuSn. Vertrauen tritt an die Stelle von Kontrolle.
  • Die SuS stehen nicht im Wettstreit miteinander, Kooperation tritt an die Stelle von Wettbewerb. Die SuS messen sich allenfalls miteinander, Bewertung ist nicht Antrieb und Motivation für die Lernarbeit.
  • Es wird eine Feedback-Kultur entwickelt: an die Stelle ständiger Bewertung von außen durch die Erwachsenen tritt die gemeinsame Leistungsermittlung und (dialogische) Rückmeldung.
  • Die SuS wirken möglichst bei allen Entscheidungen in der Schule gleichberechtigt mit. Sie haben eine wesentlich Stimme.
  • Lerninhalte orientieren sich eher an Projekten und Themen als an vorgegebenen Unterrichtsstoffen durch Lehrpläne. Die Beschäftigung mit Themen durch die SuS ist nur durch ihre Arbeit zeitlich begrenzt.
  • Für die Arbeit in Projekten bzw. an Themen wird möglichst das außerschulische Umfeld mit einbezogen. Die Schule ist nach außen in die Gesellschaft offen.
  • Praktische Arbeiten (z.B. Bauen, Basteln, Reparieren, Zerlegen, Medienproduktion u.a.) haben einen wesentlichen Anteil an der Lernarbeit.
  • Musisch-künstlerischer Ausdruck ist ein wichtiger Aspekt der Lernarbeit (Singen, Musizieren, Tanzen, Theaterspielen u.a.)

Aus diesen elf Aspekten gelingender Pädagogik (immerhin sind solchen Schulen in England beispielsweise über 60 % Akademiker erwachsen, gegenüber etwas über 30 % aus Regelschulen) stellen sich m.E. die folgenden Fragen, die durch Leitlinien der Schule beantwortet werden sollten:

1. Welche Rolle und Haltung nehmen LuL (Erwachsene) in der Schule, gegenüber den SuSn ein?

2. Welche Verantwortung und wofür haben LuL (Erwachsene) in der Schule genau?

3. Wie wird Lernen in der Schule grundsätzlich verstanden?

4. Wer entscheidet über die Lerninhalte, welche Verantwortung kommt dabei den SuSn zu?

5. Wie viel Kontrolle soll gegenüber den SuSn ausgeübt werden? Wie viel Wettbewerb soll das Lernen der SuS bestimmen?

6. Wie viel Mitbestimmung soll den SuSn eingeräumt werden?

7. Wie stehen wir zur ständigen Bewertung/Benotung der SuS durch die Erwachsenen?

Die Antworten auf die Fragen 1.-7. bedingen möglicherweise dann die Antworten auf die folgenden Fragen 8.-11.:

8. Wie soll das Lernen der SuS hauptsächlich gestaltet werden? (Formen und Formate, Methoden, Unterricht)

9. Wie soll mit zeitlicher Strukturierung umgegangen werden?

10. Wie viel Bedeutung sollen praktische und musisch-künstlerische Anteile für das schulische Lernen gewinnen?

11. Welche Rolle solle außerschulische Lernorte bzw. externe Impulse für das Lernen spielen?

Diese Fragen können vielleicht als eine Art Bezugsrahmen für eine aktuelle Überprüfung und erste Formulierung von pädagogischen Leitlinien einer Schule genutzt werden.

Die Beantwortung dieser Fragen klärt auch die Eingangsfrage, welche Schule wir sein sollen.

Hierbei sind grundsätzliche Entscheidungen zu treffen, die mittelfristige und langfristige Zielvorstellungen und die Praxis der Schule betreffen.

Zu denen muss vielleicht erst in ersten Schritten hingeführt werden, sie sind vielleicht nicht alle sofort umsetzbar, sollten aber alle zukünftigen Entscheidungen bewusst leiten.


Quellen (Auswahl):
Ingrid Dietrich (Hrsg.), Politische Ziele der Freinet-Pädagogik, Weinheim/Basel 1982
David Gribble, Auf der Seite der Kinder, Weinheim/Basel 1991
David Gribble, Schule im Aufbruch, Freiamt 2000, (1998)

Abkürzungen:
SuS = Schülerinnen und Schüler, LuL = Lehrerinnen und Lehrer

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